Hellmuth Karasek: Vertigo
Hitchcock selbst erinnerte sich missmutig daran, dass Kim Novak "mit dem Kopf voller Ideen, die ich leider nicht teilen konnte", zu den Dreharbeiten gekommen sei. Er habe Vera Miles haben wollen, "die ich zum Star gemacht hätte", aber die sei unpassend schwanger geworden.
Und alle plappern es dem Meister nach. "Falsch besetzt in zentralen Rollen", findet Halliwell Vertigo, und selbst Robin Wood, der in seinen bahnbrechenden Hitchcock-lnterpretationen ("Hitchcock's Films") Vertigo als geglücktes Werk empfindet ("nahezu perfekt"), nennt als einzige Schwäche Teile der Doppelrolle Kim Novaks.
Der Meister und alle seine gläubigen Interpreten irren: Vertigo ist auch und gerade wegen Kim Novak Hitchcocks absolutes Meisterwerk. Kein zweiter Film des Spannungsperfektionisten hat so vielschichtige, rätselhafte, widersprüchliche, anrührende und nicht zu ergründende Hauptfiguren - die Schwäche von perfektem Suspense ist ja oft, dass er Menschen zu Funktionen degradiert, zu Schachfiguren reduziert.
Dabei haben die französischen Krimi-Theoretiker und Krimi-Konstruktivisten Boileau und Narcejac, die ihren raffiniert durchkomponierten und ausgerechneten Plot ausdrücklich als Köder für Hitchcock geplant hatten, eine Geschichte von diabolischer Kälte geschrieben - eine Parallelaktion zu ihren Les diaboliques, die Henri Clouzot 1955 grausam-brillant inszeniert hatte.
So wirkt auch die Story von Vertigo (die als Roman "D'entre les morts" heißt) wie pure Konstruktion: Ein Polizist, der seinen Dienst wegen eines aus seiner Höhenangst resultierenden Schuldgefühls quittiert, genau deswegen von einem ehemaligen Schulfreund, der eine reiche Reederin in Gestalt der letzten und einzigen Erbin geheiratet hat, als Privatdetektiv angeheuert wird, die (so der raffinierte Mordplan) vor den Augen des aus Akrophobie hilflosen und zur Hilfe unfähigen Bewachers scheinbar von einem hohen Kirchturm, auf deren schwindelerregend steiler Treppe ihr Beschützer ihr nicht folgen konnte, in den Tod stürzt. Scheinbar, denn in Wahrheit wird nur eine längst Ermordete vom Turm geworfen - die Todessehnsüchtige war dem sich rasch verliebenden Detektiv von einem zur Ehefrau zurechtgeschminkten Double vorgespielt worden, die ihn vorher glauben machte, sie wolle, von magisch-sinistren Kräften gezogen, einer selbstmörderischen Urgroßmutter hinterhersterben. Ein perfekter Mord - auf dem Papier.
Ein perfekter Film, der so sehr mit Stimmungen, Vergangenheitssehnsucht, der Bereitschaft zum Tagträumen, der Schönheit der Schwermut und Verzweiflung arbeitet - dass, um Hitchcock zu zitieren, die Wahrscheinlichkeit keine Gelegenheit erhält, ihr grässliches Haupt zu erheben.
Der
Film beginnt mit einem schwindelerregenden Prolog: Zwei Polizisten jagen einen
Verbrecher über die Dächer von San Francisco, der eine, John "Scottie"
Ferguson (James Stewart), strauchelt, hängt auf einmal an einer nachgebenden
Dachrinne über einer gähnenden Häuserschlucht; als der andere ihn retten
will, stürzt
Die eigentliche Geschichte fängt mit einem lädierten Ferguson an, der den Dienst quittiert hat, weil er von Höhenangst heimgesucht, von Schuldgefühlen am Tod des Kollegen niedergedrückt ist. Er ist einsam, denn seine ehemalige Verlobte, die unheimlich praktische, patente, lebenstüchtige und ihn bemutternde Modezeichnerin Midge (Barbara Bel Geddes), die verkörperte praktische Vernunft Amerikas, kann ihn von seiner Schwermut nicht befreien.
Als er den Auftrag annimmt, Madeleine Elster (Kim Novak), die angeblich todessüchtige Frau eines Reeders, zu beschatten und zu behüten, gerät er in eine traumhafte Gegenwelt: Madeleine sucht alte Friedhöfe, stille Museen, abgeschiedene altmodische Häuser in San Francisco auf, und Ferguson folgt ihr heimlich, lautlos, mit wachsender Verfallenheit und mit diskreter, weher Distanz - es ist eine scheinbar ziellose Odyssee in die verdrängte, aus Schuldgefühlen beiseite geschobene spanische Vergangenheit Kaliforniens; allmählich kristallisiert sich heraus, dass Madeleine ein todessüchtiges Doppelleben mit ihrer, von einem Mann als verstoßene Geliebte in den Tod getriebenen Vorfahrin Carlotta Valdes sucht und mit tödlichem Ziel lebt.
Für mehr als eine Viertelstunde folgen wir diesen seltsam schwermütigen Fluchten aus der Wirklichkeit ohne Dialog; Madeleine, deren kühle, blonde, unnahbar traurige Schönheit wie aus Nebeln als blendendes Wunschbild vor Fergusons Augen erscheint, stürzt sich an der Golden Gate Bridge ins Wasser, wird von ihm gerettet, in seinem Zimmer, in seinen Morgenrock gehüllt, wacht sie wie aus einem Vergessen auf - die beiden sind, noch ehe sie ein Wort gewechselt haben, ein Paar, durch Schwermut, Ziellosigkeit und eine vage Sehnsucht miteinander verbunden. Nun durchstreifen sie auf der Suche nach der Vergangenheit gemeinsam ihre Tage (er verheimlicht ihr, dass er ihr Bewacher und bestellter Schutzengel ist, sie verheimlicht ihm alles), gelangen zu den 2000jährigen Baumgiganten des Yosemite-Parks, küssen sich am noch älteren, ewigen Meer - die Reise ins Vergangene führt ins Uferlose -, bis sie ihn, in Verfolgung eines besonders bedrängenden Todestraumas, in die alte spanische Klostersiedlung San Juan Baptista, 100 Meilen südlich von San Francisco, lockt, wo sie dann vor den Augen des Hilflosen scheinbar zu Tode stürzt: Die heftigen Zooms aus schwindelnder Höhe im engen Treppenaufgang des Turmes sind perfekte und bedrängende optische Entsprechungen der psychischen...