Vorwort

 

Kein Buch kann dem Thema »Adoleszenz«, das heißt dem Jugendalter nach der Pubertät, wirklich gerecht werden. Auch ich teile hier lediglich Gedanken und Vorstellungen mit, die sich im Laufe meiner eigenen Erfahrungen im elterlichen Umgang mit Teenagern gebildet haben. Ich hoffe jedoch, all denen, die dieses Buch lesen werden, dabei helfen zu können, die wunderbaren Lebensjahre von dreizehn bis neunzehn in ihrem Wert zu erfassen und zu genießen, und dies trotz der Schwierigkeiten und Spannungen, die dieses Stück Lebensweg mit sich bringt. (S. 7)

 

    Ich dachte zunächst daran, dieses Buch »Das Segeln durch die Lebensjahre von dreizehn bis neunzehn« zu nennen, fand dann aber, dass dieser Titel den Eindruck einer unbeschwerten Überfahrt vermitteln könnte. Nichtsdestotrotz habe ich bei den Kapitelüberschriften am Bild des Segelns festgehalten.

 

    Herzlich bedanken möchte ich mich bei Lin Zimbler, die den Inhalt mit mir überarbeitete und viele wichtige Anregungen gab, ebenso möchte ich Nina Rowley danken, die beim Abtippen des Manuskripts eine Menge Fragen stellte, die zu einer Verbesserung des Textes führte. Auch meiner Frau Renate und unseren fünf sehr unterschiedlichen Kindern sei gedankt, die mich durch diesen Zeitraum der elterlichen Fürsorge mit einer unglaublichen Geduld hindurchtrugen!

 

Julian Sleigh

 

Segel setzen

 

Keine Überfahrt ist leicht und angenehm. Die sieben Jahre, die von der Kindheit zum Eintritt in die Erwachsenenwelt führen und mit einer einzigartigen Intensität gelebt werden, können mit einer solchen Seefahrt verglichen werden. Wir wollen gemeinsam versuchen, die Ereignisse zu beleuchten, die auf eine geheimnisvolle und tiefgehende Seelenbewegung in den jungen Menschen während der Lebensjahre von dreizehn bis achtzehn hindeuten. Die Schwierigkeiten, die in dieser Zeit auftreten, müssen nicht zwangsläufig Hindernisse sein, die uns das Licht nehmen, das in diesen Zeitraum scheint. Doch wie Schatten können sie uns auf das Licht aufmerksam machen, das sie hervorruft. Diese Jahre können sowohl von den Jugendlichen als auch von ihren Eltern genossen werden. Es sind Jahre des Wachstums und der Entfaltung. Wird jeder Schritt freudig getan, kann er verstanden werden. Allzu oft aber stehen die Schwierigkeiten im Vordergrund und werden vorrangig beachtet, und die unglaublichen Offenbarungen, die sich in diesen Jahren kundtun, sieht man nicht. (S. 9)

 

    Die Gedanken und Gefühle, die ich mit den betroffenen Eltern teile, entstammen keiner beruflichen Beschäftigung. Ich bin weder Lehrer noch Psychologe, sondern habe meine Anregungen hauptsächlich aus meiner Familie erhalten. Unsere fünf Kinder sind innerhalb von zehn Jahren geboren, und jedes ist seinen ganz eigenen Weg durch die Wirrnisse der Adoleszenz gegangen. Die Unterschiede dabei waren gewaltig.

 

    Meine Frau und ich haben versucht, ihnen eine behütete und schöne Kindheit zu schenken. Unsere Arbeit innerhalb einer Dorfgemeinschaft mit Behinderten auf dem Lande in Südafrika bot dazu günstige Voraussetzungen. In Sonnenschein und freier Natur konnten unsere Kinder auf dem weitläufigen Gelände ihre Tage an der frischen Luft mit Schwimmen und Reiten verbringen. Sie erlebten Geborgenheit und religiöses Leben und hatten doch eine schöne Stadt in Reichweite - Kapstadt. Wir verbrachten trotz unserer anstrengenden Arbeit viel Zeit miteinander. Die Kinder hatten immer viele gleichaltrige Freunde und Spielkameraden. In der Schule hatten sie einfühlsame Lehrer, und es boten sich ihnen zahlreiche Gelegenheiten, sowohl ihre musikalischen und künstlerischen Talente als auch praktische und soziale Fähigkeiten zu entwickeln. Und doch erwartete jedes von ihnen eine unruhige, ja teilweise sehr rauhe »See« auf der Fahrt aus der geschützten Bucht der Kindheit hinaus ins Leben. (S. 10)

 

    Unsere älteste Tochter hatte große Lernschwierigkeiten und kam mit der Schule nicht zu Rande. Mit zwölf Jahren musste sie von zu Hause fort und in eine Förderklasse gehen. Das aber gab gleich neue Probleme: Es stellte sich heraus, dass die freundliche Person, die angeboten hatte, sich um sie zu kümmern, Alkoholikerin war. Obwohl unsere Tochter durch die spezielle Betreuung wesentlich bessere schulische Leistungen erbrachte, war sie immer noch tief unglücklich in der Schule und ging frühzeitig ab, um bei Verwandten in Nordirland auf einem Hofgut zu arbeiten. So verbrachte sie annähernd vier Jahre ihrer Jugendzeit weit weg von daheim, immer belastet von dem Gefühl, etwas nicht geschafft zu haben. Und doch erwuchs ihr aus all dem ein tiefes Verständnis für das menschliche Wesen, und sie entwickelte sich in sehr positiver Weise zu einem umsichtigen und feinfühligen Menschen. Sie hat nun die meisten ihrer Lernschwierigkeiten überwunden und ihre künstlerischen Fähigkeiten weiterentwickelt, so dass sie schließlich einen Abschluss in einem handwerklich-künstlerischen Beruf machen konnte. Die heftigen Böen in ihrer Jugend brachten Zeiten großer Sorge, wobei wir Eltern uns außer Stande sahen, die innere Qual ihrer Schwierigkeiten zu erleichtern. (S. 11)

 

    Unsere zweite Tochter hatte glänzende Zeugnisse in der Schule und schien geradewegs auf eine akademische Ausbildung zuzusteuern. Aber mit fast siebzehn Jahren wurde sie schwanger. In diesem einen Jahr musste sie sowohl ihre Mutterschaft als auch die Abschlussprüfungen bewältigen. Alle Pläne für ein Studium mussten aufgegeben werden. In den Jahren, in denen sie eigentlich die Welt und sich selbst hätte erforschen sollen, war sie bereits ins Erwachsensein geworfen und musste sich schnell selbst festigen. Sie heiratete mit 21 Jahren und bekam weitere Kinder, so dass ihr Leben ausschließlich von ihrem Muttersein bestimmt wurde. Aber alle diese Prüfungen haben den starken Kern ihrer Persönlichkeit zum Vorschein gebracht.

 

    Die anderen Familienmitglieder kamen mit Drogen und Alkohol in Berührung. Das ist heute zumindest in den späteren (wenn nicht schon früheren) Teenagerjahren eine ungeheure Gefahr. Aber sie konnten von diesen Verlockungen wieder loskommen und einen Halt gewinnen. Während dieses Prozesses entwickelten sie starke Impulse für ein soziales Engagement.

 

    Unsere dritte Tochter studierte Soziologie und arbeitet nun bei der Konfliktbewältigung in den Townships mit. Das ist heute eine der wichtigsten Aufgaben in Kapstadt.

 

    Unseren Sohn führte sein Weg nach Europa, wo er sich zum Küchenchef ausbilden ließ. Er erlebte dabei den Stress einer Restaurantküche mit ihrem hohen Zeit- und Leistungsdruck. Eine Zeitlang verdiente er sich sein Geld als Kellner in einem Londoner Nachtlokal. Dort begegnete ihm die oftmals gezwungene Fröhlichkeit der Aussteiger und die Traurigkeit derjenigen, die einsam und ohne Ziel vor sich hin leben. Diese Erfahrungen machte er, noch bevor er neunzehn Jahre alt war. Er beschloss als nächsten Schritt, an die Universität zu gehen und Sozialwissenschaften zu studieren. (S. 12)

 

    Unsere jüngste Tochter hat ihre Schulzeit erfolgreich beendet, und ihr Hauptziel ist es, unabhängig zu werden und zunächst einmal irgendwo praktisch zu arbeiten. Aber der Schritt von der Schule zur Freiheit bedeutete für sie die Notwendigkeit, sich selbst um eine Ausbildung und das Geldverdienen zu kümmern.

 

    Zum Glück brach das Gespräch zwischen unseren Kindern und uns Eltern niemals ab. Darüber hinaus halfen sie sich auch untereinander. Jeder von ihnen hatte seinen eigenen Freundeskreis, mit dem er seine Erfahrungen austauschen konnte. Und sie konnten sehen, dass wir auf eine innere Führungskraft in ihnen vertrauten, die sie richtig leiten würde, auch wenn wir uns nicht unbedingt über alles freuen konnten, was sie durchzumachen hatten. In jedem von ihnen erwachte ein Bewusstsein dafür, dass ein junger Mensch für sein Leben verantwortlich ist und bereit sein muss, sich Herausforderungen mit den Kräften zu stellen, die er sich bis dahin erworben hat. Wir fühlten uns bestätigt, als wir sahen, dass unsere Bemühungen, unsere Kinder in der rechten Weise zu erziehen, letztlich nicht umsonst gewesen waren. Als Kinder waren sie abhängig von dem gewesen, was wir ihnen gaben. Nun sind sie auf dem Weg, selbst Erwachsene zu werden, von denen wieder andere abhängig sein können.

 

    In unserer Familie waren die Bedingungen so günstig, und dennoch blieb uns Kummer nicht erspart. Wie viel schwerer müssen die Probleme der Teenagerzeit jedoch für Familien sein, die solche Voraussetzungen nicht haben! Wie können wir da sicher gehen, dass die Behauptung: die Teenagerjahre können genossen werden, die wir zu Beginn des Kapitels aufgestellt haben, sich als wahr und richtig erweist?

 

Mühlbach oder Strudel?

 

Die Jugend ist für jeden jungen Menschen voller Dramatik, sie ist es aber auch für seine Eltern. Um den inneren Aufruhr der Teenagerzeit zu verstehen, sollte man deshalb einmal darauf achten, was während dieses Lebensabschnitts mit den Eltern geschieht. Die eintretenden Veränderungen betreffen sie in hohem Maße. Ihr ganzes Wesen ist gefordert, mitunter bis an die Schmerzgrenze. Die Eltern werden diese Anforderungen bewältigen, wenn sie sich ihre eigenen Einstellungen bewusst machen und ihre Reaktionen beobachten. Ein Beispiel dafür sind ihre Sorgen. Eltern neigen dazu, sich schon Sorgen zu machen, wenn das Teenageralter näher rückt. Sie wissen um die vielen Gefahren, denen ihr Kind ausgesetzt sein wird. Aber jeder Schritt im Leben birgt nun einmal seine Gefahren, und warum sollte man sich gerade um diese besondere Sorgen machen? (S. 13)

 

    Es gibt Sorgen, die tatsächlich begründet sind, viele aber haben ihre verborgene Ursache in der eigenen Seelenverfassung. Der Heranwachsende kommt einem näher und hält einem gewissermaßen einen Spiegel vor. Die Eltern sehen darin plötzlich ihr eigenes Leben im Nachhinein. Der Spiegel zeigt nicht, wie sie jetzt sind, sondern wie sie selbst als Teenager waren. Vielleicht können sie zum ersten Mal so Rückschau halten und sich fragen: »Wie war das mit meiner eigenen Jugend? Wurde ich fertig mit den Fragen, die mich bewegten? Gab es da vielleicht Ängste und Schuldgefühle, die ich unterdrückte, entweder weil ich nicht anders konnte, oder weil mich andere beeinflussten? Und nun, da mein Sohn oder meine Tochter vor der Schwelle zum Erwachsensein steht, sind es vielleicht meine unbewältigten Gefühle, die in mir hochsteigen?« Mancher Elternteil wird diese Konflikte auf den heranwachsenden Jugendlichen übertragen und nicht erkennen, dass sie ihn eigentlich selbst betreffen. Würde er es schaffen, den Spiegel anzunehmen und sich darin selbst anzuschauen, würde er sehr viel mehr ausrichten können. (S. 14)

 

    Übersteigerte Reaktionen sind ein Hinweis auf ungelöste Konflikte in einem selbst. Der Umgang mit den Teenagern wird einfacher werden, wenn die Eltern ihre inneren Spannungen erkennen und sich bemühen, sie zu lösen. Der innere Friede, der sich vielleicht daraus ergibt, wird sie dankbar machen dafür, dass es einen Teenager in ihrer Familie gibt!

 

    Viele Eltern haben auch Angst, jegliche Kontrolle über Sohn oder Tochter zu verlieren. Es ist überaus wichtig, diese Angst beim Namen zu nennen, sobald sie auch nur anfänglich auftaucht, und sehr ernsthaft mit ihr umzugehen. Für das Kind waren die Eltern uneingeschränkte Autoritäten, aber den Heranwachsenden können sie nicht mehr einfach beherrschen und leiten. Alle Eltern müssen einen schmerzhaften Prozess durchmachen, bis sie erkennen, dass sie nicht mehr länger die volle Kontrolle über ihre Kinder haben. Aber heißt das, dass sie dann abdanken müssen? Viele Eltern tun das. Wird jedoch die uneingeschränkte Autorität in eine helfende Führung verwandelt, so ist der Weg in eine neue Beziehung gebahnt. Der Symbolträger der unbeschränkten Machtausübung ist der König. Er muss jetzt notwendigerweise ersetzt werden durch etwas, das eher mit Fürsorge, Unterstützung und Begleitung zu tun hat. Dies wiederum lässt an das Bild eines Hirten denken.

 

    Damit haben wir als Bilderpaar den König und den Hirten. Die Qualitäten eines Königs gehen mit seiner Autorität einher und mit der Macht, diese Autorität, wenn nötig, geltend zu machen. Ein König muss über Wissen und Weisheit verfügen, aber auch stets strenge Selbstdisziplin üben, um sich diese Autorität zu verschaffen und sie vor allem auch zu erhalten. Man schaut zu ihm auf wie zu einem Vorbild. Er muss weise genug sein, sowohl auf seine innere Stimme als auch auf ihm zugetragene Informationen und Meinungen hören zu können. So muss er fähig sein, Entscheidungen zu fällen, ohne sich durch eigene Machtgier oder persönliches Gewinnstreben beeinflussen zu lassen. Ein König muss die Qualitäten eines Philosophen und eines Soldaten, eines Richters und eines Verteidigers, eines Herrschers und eines Dieners in sich vereinen und dabei das Schicksal seines Volkes mittragen. Er muss einsichtig genug sein, das Heranreifen seines Kronprinzen und der anderen Mitglieder seines Königsgeschlechts zu begrüßen und sie bewusst auf die Aufgaben vorzubereiten, die sie in der Zukunft übernehmen werden. (S. 15)

 

    Der königliche Aufgabenbereich umfasst gleichzeitig die Befehlsgewalt und die Freiheit. Das königliche Haupt trägt die Krone als Ausdruck seiner edlen Gesinnung und des Reichtums seiner Gedankenkraft. Der König trägt kostbare Gewänder und lebt in einem Palast.

 

    Ein Hirte nun kennt seinen Grund und Boden und seine Schafe. Für beides hat er ein waches Interesse und fühlt eine tiefe Liebe. Er lebt in Frieden mit sich selbst und verströmt Friedfertigkeit nach allen Seiten. So gedeihen seine Schafe aufs Beste. Er hat stets ein wachsames Auge auf das Wetter und weiß, was er zu jeder Jahreszeit zu tun hat. Er bewahrt seine Schafe vor dem Wolf, der heimlich lauert. Er hegt sie, fühlt mit ihnen und bringt so seine Herzensgüte in alles ein, was er für seine Schafe tut. Seine Kleidung ist handgesponnen, derb und für ein Leben im Freien gemacht. Seine Behausung ist eine Hütte dicht bei den Weiden. Ist es nicht vorstellbar, dass sich Eltern mit einigen dieser Qualitäten identifizieren? Und welche sollten sie nun besonders haben, die des Königs oder die des Schäfers? Obwohl die Eltern idealerweise beide Charakterzüge im richtigen Verhältnis in sich tragen sollten, kann man sagen, dass Kinder den königlichen Qualitäten eher im Vater und dem Hirten eher in der Mutter begegnen sollten. Später sollten die Eltern dann beide zu »königlichen Hirten« werden. Der Heranwachsende sucht nach Souveränität und der Fähigkeit zu Selbstkontrolle und Selbsterkenntnis in denen, die seine Vorbilder sein wollen. Er will sich nicht beherrscht fühlen, hält aber Ausschau nach Menschen, die souverän sind und ihm einen gewissen Schutz geben können, ohne ihn seiner Freiheit zu berauben. Das junge Kind braucht klare Anleitung von außen. Es gewinnt Sicherheit aus der Autorität seiner Eltern. Der Heranwachsende hingegen strebt vielmehr nach Anerkennung. Er gedeiht durch die Führung und das Lob, das seine Eltern ihm geben. Das ist mit »helfender Führung« gemeint. (S. 16)

 

    Das Dargestellte hat weitreichende Bedeutung für die Neuorientierung der Eltern in diesem Lebensabschnitt der Überfahrt. Das Bild des Königs oder der Königin beinhaltet das Prinzip eines Rechts, das Leben des Untertanen zu bestimmen. Ist das Kind noch jung, haben die Eltern dieses Recht tatsächlich, allerdings im Rahmen der Verantwortung gegenüber dem Göttlichen. Wenn das Kind älter wird, bleibt zwar die Verantwortung der Eltern, aber ein Recht im Hinblick auf dessen Lebensbestimmung darf in dieser Weise nicht mehr in Anspruch genommen werden, sonst wird sich unweigerlich Widerstand geltend machen. Zunächst mögen manche Eltern sich über diese Zurückweisung und den Verlust ihrer Kontrollmöglichkeiten ärgern. Sie können sich dann tatsächlich zuweilen von den Ereignissen überfordert und gleichsam fehl am Platze fühlen. Wie viele machen schwere Zeiten durch, wenn ihr Teenager schroff, aufsässig, neunmalklug, chaotisch und schmuddelig wird und in keiner Weise mehr das wunderbare Kind ist, auf das sie einst so stolz waren. Oh, wer kennt sie nicht, die Popmusik, die Tag und Nacht läuft, die zerzauste Haarpracht, die unmögliche Kleidung, die Jeans, die entweder gebleicht und zerfetzt oder grell bunt bemalt sind. Plötzlich erscheinen alle möglichen Arm- und Fußkettchen, Anhänger, Ohrgehänge, Nasenringe und (um Himmels willen, auch das noch!) Tätowierungen! Und all das nach einer Erziehung voll liebender Fürsorge und bester Absichten, dem Beibringen guter Manieren und gepflegten Benehmens, nach Jahren grenzenloser Zuneigung! (S. 17)

 

    Welch eine Erschütterung für den elterlichen Stolz! Denn bislang spiegelten sich im Kind die Qualitäten seiner Kindheit. Da verletzt es einen nun umso mehr, wenn es zu Streitigkeiten kommt. Der Vater spürt, dass sein Sohn nun so schlau geworden ist, dass er in einem Streit besser argumentieren kann als er selbst. Aber was die Eltern am meisten trifft, ist die Tatsache, dass sich Streitgespräche immer an den Gegenständen entzünden, die ihnen so viel bedeuten: ihre religiösen Überzeugungen, ihre politischen Einstellungen, ihr Umgang mit Kunst und Musik. Man gewinnt den Eindruck, dass alles, was von Elternseite her geschätzt wird, eben deshalb zum Gegenstand verletzender Gleichgültigkeit oder sogar erklärter Feindschaft wird. Zeigen sich die Überzeugungen, Standpunkte und Werte der Eltern jetzt nicht als wirklich gefestigt, wird der Jugendliche mehr oder weniger behutsam die Schwachpunkte aufspüren. Auch wenn es nicht zu einer offenen Auseinandersetzung kommt, wird deutlich, dass der Heranwachsende einen Schlussstrich gezogen hat unter die bis dahin nie hinterfragte Treue seiner Eltern zu liebgewordenen Lebenseinstellungen. Und je unsicherer diese sich der tatsächlichen Verbindlichkeit ihrer Überzeugungen sind, desto wirkungsvoller werden solche Attacken sein. Eltern, die ihre Einstellung zu den aufgeworfenen Fragen nicht klar und überzeugend umreißen können, müssen sich auf eine harte Zeit gefasst machen.

 

    Es sind drei Themengebiete, die üblicherweise nicht so gern bei Tisch diskutiert werden und die nun die größte Herausforderung darstellen, nämlich Religion, Politik und Sex. Selbstverständlich müssen diese Themen offen und frei besprochen werden. Jedes Zurückscheuen vor einer Diskussion könnte ein Zeichen dafür sein, dass die Eltern sich selbst darüber noch keine Meinung gebildet haben. Auffassungen, die zwar seit ihrer eigenen Kindheit existieren, aber nie verinnerlicht wurden, oder das, was sie aus Büchern oder aus Glaubenssätzen ihrer Kirche übernommen haben, gerät nun ins Kreuzfeuer bohrender Fragen oder wird schlichtweg ignoriert. All dies kann die Selbstsicherheit und die Denkweise der Eltern zutiefst erschüttern. (S. 18)

 

    Wenn der Jugendliche aber nun erlebt, dass seine Eltern nicht verbohrt sind, dass sie unaufhörlich bereit sind, ihre Werte neu zu überdenken, und dass sie ihre Anschauung über die drei oben angeführten Themengebiete vertiefen wollen, dann wird er wenig Grund zur Kritik haben. Er wird sich statt dessen ermutigt fühlen, durch konstruktive Fragen eine Annäherung zu finden. Stößt er dann auf ein ehrliches Eingeständnis von Unsicherheit und bestehenden Zweifeln und erlebt er gleichzeitig die Bereitschaft zuzuhören, so wird er mit Interesse, ja Dankbarkeit reagieren, weil er spürt, dass seine Eltern ihre Suche mit ihm teilen wollen.

 

    All dies kann sehr anregend, ja ein Ansporn zu einem Neuanfang für die Eltern werden. Klischees, Dogmen, eingefahrene Denkmuster und gesellschaftlich bedingte Umgangsformen, ungeprüfte Ansichten, Standpunkte, die auf einem unmerklich entstandenen Snobismus beruhen, alles wird unter dem durchdringenden Blick des Teenagers in sich zusammenfallen. Wenn ein Kind geboren wird, haben die Eltern eine Schonfrist von ungefähr zwölf Jahren vor sich, in denen es die Lauterkeit ihrer Überzeugungen und Gewohnheiten nicht in Frage stellen wird. Dann aber tritt die kleinste Unstimmigkeit offen zu Tage. Und doch wird der Teenager die Schwächen seiner Eltern akzeptieren können, wenn diese sie bekennen. Nicht die Vollkommenheit wird den Sieg davontragen, sondern Aufrichtigkeit und angemessenes Verhalten. (S. 19)

 

    Noch einer anderen heftigen Gemütsbewegung werden die Eltern nun ins Auge schauen müssen: ihrer Scham. Der junge Mensch wird den Lebenswandel seiner Eltern nicht nur hinterfragen, er wird vieles auch übernehmen. Und damit schauen die Eltern erneut in einen Spiegel, den der Jugendliche ihnen vorhält, und sie sehen das Abbild ihrer eigenen Gewohnheiten und Schwächen. So kann der eine oder andere Elternteil sich trinken und rauchen sehen. Er wird seinen eigenen schlechten Umgangston hören, er wird sein Abweichen vom eigenen Wunschbild vor Augen haben, seine zweierlei Maßstäbe und seinen eigenen eitlen Ehrgeiz. Das ist sehr unangenehm. Die Eltern können nicht mehr sagen: »Tu, was ich sage.« Sie werden nur Erfolg haben, wenn sie es schaffen zu sagen: »Tu, was ich tue.«

 

    Alles Aufgesetzte, jeder Dünkel, etwas zu sein, was man nicht ist, oder das fraglose Übernehmen fremder Gedanken, das Festhalten an gesellschaftlich relevanten Gewohnheiten wird den Jugendlichen reizen, die Probe aufs Exempel zu machen. Als Heranwachsender fühlt er sich unsicher, weil ihn die ganze neue Welt überwältigt, die sich ihm eröffnet. Deshalb sucht er nach einer Sicherheit in Menschen und in Gedanken, auf die er sich verlassen kann. Und das bedeutet, sie zu prüfen. Zuerst wird er diese Sicherheit bei seinen Eltern suchen. Findet er sie dort nicht, wird seine Enttäuschung grenzenlos sein, und seine Eltern werden sich eingestehen müssen: »Wir sind nicht die Menschen, die er in uns zu finden glaubte. « Auf jeden Fall wird der Teenager sich dann auch anderweitig umsehen. Möglicherweise wird seine Suche erfolgreich sein, aber im Verlauf dieser Neuorientierung wird seine Beziehung zu den Eltern einen deutlichen Bruch erleiden.

 

    Aber auch wenn es eigentlich kein enttäuschendes Erlebnis mit den Eltern gibt, wird der Jugendliche sich von Zeit zu Zeit anderen Menschen zuwenden, um neue Ideen und eine Führung zu suchen. Wenn diesen Menschen dann seine ganze Liebe und Bewunderung gilt, werden die Eltern sich vielleicht zurückgesetzt, ungerecht behandelt und übergangen fühlen in einem Bereich, in dem sie bislang volle Erfüllung fanden. Es ist schmerzhaft für Eltern, wenn ihr Heranwachsender sich aufgrund ihrer Unzulänglichkeit abwendet. Aber die Zuwendung zu anderen Menschen bedeutet keineswegs immer eine Zurückweisung der Eltern. Auch in einem gesunden Milieu ist dies eine natürliche Entwicklung. Der Horizont weitet sich, neue Interessengebiete tun sich auf, und neue Hilfen werden benötigt. Verständnisvolle Eltern können sich gelassen an dieser Entwicklung freuen. Besonders hart kommt es Eltern an, wenn sie aufgrund ihres Alters als überholt gelten. Sohn oder Tochter werden möglicherweise ein jüngeres Bild der Weiblichkeit als das der Mutter suchen oder ein jugendlicheres Männlichkeitsideal als das des Vaters. (S. 20)

 

    Wenn die Kinder enge Beziehungen außerhalb der Familie knüpfen und daran mit Nachdruck festhalten, kann sich eine Mutter vorkommen, als hätte sie nur noch für Nahrung und Wäsche zu sorgen. Die einstige Quelle der Weisheit ist eine unbezahlte Haushaltskraft geworden. Der Sohn kann nun selbst Auto fahren und fährt bald besser als der Vater. Auch weiß er mehr über die Funktionsweise des Wagens. Die Kochkünste der Tochter (sollte sie Lust dazu haben) stellen die der Mutter in den Schatten. Die Heranwachsenden erlangen Fähigkeiten, die die der Eltern möglicherweise tatsächlich übertreffen. Die Eltern müssen sich auf unangenehme Augenblicke gefasst machen, in denen sie erkennen müssen, dass ihr Sohn oder ihre Tochter dies oder jenes besser können als sie selbst.

 

    Darüber hinaus werden die Ferienpläne geändert werden müssen, ja sogar Pläne für einen kleineren Ausflug, einen Waldspaziergang oder die Mithilfe im Garten. Die Jugendlichen lösen sich von der Familie und gehen ihre eigenen Wege. Solange sie noch zu Hause leben, können sie sehr fordernd sein. Sie brauchen alle möglichen Dinge von Papa oder Mama, beispielsweise das Auto oder mehr Taschengeld oder die Erlaubnis für eine Spritztour in fragwürdiger Gesellschaft. Ganz zu schweigen von dem Wunsch nach einem Motorrad! Der Heranwachsende sehnt sich danach, ohne Einschränkungen zu leben, und weiß doch, dass er letztlich noch von seinen Eltern abhängig ist. Solche Situationen bringen die Eltern dazu, die Einstellung zu überdenken, mit der sie dem veränderten Leben ihrer Kinder begegnen wollen. (S. 21)

 

    So ändert sich die Elternrolle, wenn die Kinder zu Teenagern werden. Fürsorge und Erziehung hören zwar noch nicht auf, müssen aber neu ergriffen werden. Die sich entwickelnde Persönlichkeit braucht jetzt mehr Aufmerksamkeit als das physische Wesen. Die Eltern werden mit einem eigenständigen jungen Menschen konfrontiert, der ganz neue Züge, Begabungen, aber auch Schwächen zeigt. Dieses neue Wesen ist noch zart und empfindlich, wenn es sich offenbart, und mag sich anfänglich mit einem Schutzschild von Dreistigkeit, ja sogar Aggression umgeben. Einsichtige Eltern werden durch diese Panzerung hindurchsehen und dem neuen, aufkeimenden Wesen mit Respekt, Anteilnahme und einem mitfühlenden Blick begegnen. In einem Wort: mit Liebe.

 

Den Kurs halten

 

Wie können die Eltern sich nun auf das wachsende Freiheitsbedürfnis ihrer Kinder einstellen? (S. 22)

 

    Dafür gibt es keine Patentrezepte. Auf jeden Fall müssen sie sich auf eine turbulente Zeit gefasst machen. Diejenigen, die ihre Einstellung und emotionalen Reaktionen überprüfen, sind bereits auf dem richtigen Weg zur Bewältigung der Situation. Wenn sie ihre Ängste, ihren Groll und ihre Sorgen, aber vor allem ihre Abneigungen erkannt haben und gelernt haben, damit umzugehen, können sie noch mehr bewirken. Über vieles andere muss man sich vielleicht noch Rechenschaft ablegen.

 

    Wie steht es mit der Liebe? Die Eltern sollten sich die Frage stellen: "Liebe ich meinen heranwachsenden Sohn oder meine Tochter wirklich bedingungslos?" Erkennen sie dann, dass ihre Liebe abhängt von guten Manieren, erwarteten Antworten, einem Verhalten, das in ihren Augen der bestehenden Norm entspricht, dann ist sie nicht bedingungslos. Ist es möglich, den Jugendlichen auch dann zu lieben, wenn er die vorgelebten Lebensregeln und Wertvorstellungen einfach missachtet oder wenn es dazu kommt, dass er ein schlechtes Licht auf die Familie wirft, so dass Freunde und Bekannte sich negativ über die Erziehung äußern und Bemerkungen über die mangelnde Kontrolle der Eltern machen? Wird die Liebe zu den Kindern unter solchen Erfahrungen leiden? Theoretisch ist es leicht zu sagen: "Natürlich nicht", aber wird es in der Praxis möglich sein, den Ärger und das Gefühl der Verletztheit hinunterzuschlucken, wenn eines nach dem anderen schief geht? Wird es nicht vielleicht Spannungsmomente geben, in denen man dem Kind an den Kopf wirft: "So kann ich dich nicht lieben!" Oder anders ausgedrückt: "Wenn du bereit bist, das zu tun, was ich fordere, werde ich dich weiterhin lieben." Wenn solche Dinge gesagt oder auch nur empfunden werden, ist die Bedeutung von Liebe noch nicht wahrhaftig verstanden worden. Liebe ist keine wahre Liebe, wenn sie sich in einer veränderten Situation selbst verändert. (S. 23)

 

    Liebe ist nicht dasselbe wie Gernhaben oder an etwas Gefallen finden. Sie ist die positive Lebenskraft, die dem innersten Wesen des geliebten Menschen Halt und Unterstützung gibt und sein ganzes Sein durchdringt. Man darf kein Pfand für seine Liebe fordern. Sie muss in Freiheit gegeben werden. Und wenn der heranwachsende Sohn oder die Tochter eine Grenze überschritten hat oder in Schwierigkeiten geraten ist, entfaltet die Liebe ihre wahre Bedeutung. Denn jetzt ist sie wichtiger denn je. Erfährt der junge Mensch, der in Not ist, nun keine Liebe, kann dies seinen ganzen Lebensmut vernichten. Die höchsten Augenblicke im Leben erstehen aus Krisen, die in der richtigen Weise bewältigt wurden, und man kann sagen, dass in der Tat die größten Fortschritte im Leben so erzielt werden: Fortschritte in menschlichen Beziehungen und im Verständnis für das Leben schlechthin. Eltern, die nicht wahrhaft lieben und bei falschem Verhalten ihrer Kinder ihre Missbilligung zum Ausdruck bringen, mögen dadurch zwar ihren eigenen Standpunkt sichern, aber die Beziehung zu ihrem Kind wird darunter leiden. Liebende Eltern werden wissen, dass ihr Standpunkt auch ohne große Worte verstanden wird, und die Beziehung zu ihrem Kind wird durch die Erfahrung der gegenseitigen Anteilnahme gefestigt werden.

 

    Mit der Liebe geht das Vertrauen einher. Es ist leicht, dem Vertrauenswürdigen zu vertrauen, das ist wahrhaftig kein großes Verdienst. Die wahre Qualität von Vertrauen zeigt sich aber erst, wenn man einem Menschen Vertrauen schenkt, der einen vielleicht enttäuschen wird. Dann verwandelt sich das Vertrauen in eine Kraft, die einen guten Einfluss auf dessen Absichten und Taten haben kann. Solches Vertrauen dringt in Tiefen des menschlichen Wesens vor, die ihm bis dahin gar nicht zugänglich waren. Das eröffnet ihm so die Möglichkeit, künftig aus dieser tiefen Kraft zu handeln. (S. 24)

 

    Für die Eltern bedeutet das, neben der Kraft der Liebe auch die des Vertrauens zu ihrem Kind in sich zu hinterfragen. Diese Selbstüberprüfung verhilft zur Selbsterkenntnis. Die Botschaft, die die Eltern daraus ziehen können, lautet ungefähr folgendermaßen:

 

    Wenn du dich selbst verstehst, dann wirst du auch den Jugendlichen in deiner Familie verstehen können. Spüre die ungelösten Konflikte in dir auf, deine Unstimmigkeiten, deine Schwächen, deine Wunden. Sei ehrlich zu dir selbst!

 

    Man stelle sich einmal die Frage, ob man mit Sohn oder Tochter ohne innere Barrieren reden kann. Beginnt die Antwort nicht mit: »Ja, aber ...« und bringt man es fertig, wirklich zuzuhören, dann kann man sich sagen, dass man auf dem richtigen Weg ist. Der Heranwachsende erwartet nicht, dass seine Eltern gottähnlich sind, aber dass sie ehrlich und mit sich im Reinen sind. Er wird sie lieben, wenn sie ihm einfach zuhören und unkompliziert mit ihm sprechen können und dabei den eigenen und seinen Schwächen offen ins Auge blicken, wenn sie Disziplin in ihrer Lebensführung und in der Bewältigung ihrer täglichen Aufgaben zeigen, wenn sie aufrichtig im Gespräch sind, so dass man weiß, woran man ist. Er wird innerlich beglückt sein, wenn er erlebt, dass die Eltern auch in schwierigen Situationen ihre Zuversicht beibehalten, denn das zeigt ihm, dass sie auf etwas Höheres vertrauen, das auch er sicherlich erreichen wird. Er wird ihre Anpassungsfähigkeit bewundern und mit Erleichterung feststellen, dass sie ganz und gar nicht verbohrt sind. Zwar möchte er nicht viel von ihren Idealen hören, aber diese werden zu ihm sprechen, wenn sie von den Eltern gelebt werden. Es wird ihn anregen, wenn er erkennt, dass die Eltern eine Anschauung haben, die ihrem Leben Kraft und Richtung gibt, und dass sie bereit sind, dafür Opfer zu bringen. Es wird ihn glücklich machen, wenn er erlebt, dass die Einstellung zu den Mitmenschen nicht von Zynismus geprägt ist. In dem Maße, in dem es gelingt, all diesen Erwartungen zu entsprechen, werden die Eltern auf die Bedürfnisse des Jugendlichen eingehen können und somit seinen Weg ins Erwachsenenleben erleichtern. Umgekehrt wird auch ihr Leben leichter sein. (S. 25)

 

    Es kann den Eltern nur empfohlen werden, nicht überängstlich oder stets voller Ermahnungen zu sein und nicht jeden Schritt der heranwachsenden Kinder zu beobachten. Man muss ihre Privatsphäre und ihre Geheimnisse achten. Man muss nicht an allem, was vor sich geht, teilnehmen. Statt dessen aber sollte man ein warmes Interesse an all dem zeigen, was sie mit einem teilen wollen. Sie möchten einfach nicht alles, was noch so leise und sacht in ihren Gedanken und Gefühlen vor sich geht, offen darlegen. Beispielsweise das erste Verliebtsein, das heißgeliebte Foto. Man sollte sich nicht entsetzt über das schmuddelige Poster eines Popsängers zeigen, auch wenn er nun ganz und gar nicht den eigenen Vorstellungen eines Idols entspricht. Statt sich schockiert zu zeigen, sollte man vielmehr versuchen, auch das, worüber man sich wundert, zu verstehen. So sollte man auch die Musik ertragen, so gut es eben geht.

 

    Vor allem jedoch müssen Sohn oder Tochter die Freiheit haben, Risiken einzugehen und Fehler zu machen. Gleichzeitig darf aber auch nicht gezögert werden, sie darauf aufmerksam zu machen, wo Gefahren lauern, was die eigene Erfahrung einen gelehrt hat und welche Alternativen vorzuschlagen sind. Dabei sollte man stets sachlich bleiben und keine missverständlichen Emotionen mit ins Spiel bringen. Es muss alles einfach auf lange Sicht gesehen werden. Die Zeitspanne vom 13. bis 19. Lebensjahr ist ein Lebensabschnitt voller Veränderungen. Haben die Jugendlichen den ihnen gemäßen Lebensraum zur Entfaltung, werden sie durch die Schwierigkeiten hindurchkommen, die dieses Alter und der Druck der Gleichaltrigen mit sich bringen. Bleiben dabei die Möglichkeiten zur Verständigung offen, werden sie im Notfall auf die Eltern zurückkommen. Es sollte aber nie versucht werden, sie immer unter Kontrolle zu haben; viel wichtiger ist es, zurückhaltend, aber jederzeit ansprechbar zu sein. (S. 26)

 

    Sicher ist es in diesem Zusammenhang hilfreich, sich daran zu erinnern, wie man selbst mit seinen »altmodischen« Eltern zurechtkam. Was war einem das Wichtigste in diesen aufregenden Jahren der Selbstfindung? So sollte man es hinnehmen, dass die Beziehung zu den Kindern in diesen Jahren selten sehr gut ist; die Hauptsache ist, dass sie gut genug ist. Wenn etwas schief läuft, suche man in Ruhe den Grund zu verstehen, warum es so kommen konnte, und lerne aus der Erfahrung. Dazu gehört eine ständige Bereitschaft, bereits gefasste Meinungen auch wieder zu ändern. Man überprüfe die eigene Freizeitgestaltung, um zu erkennen, welche Hilfen man selbst vielleicht benötigt und von was man selbst abhängig ist.

 

    Die Kinder werden sogar noch mehr von ihren Eltern verlangen. Dafür müssen diese lernen, auf eine Kraft zu vertrauen, die sie durch diese Zeit leiten wird. Die einzige Möglichkeit, dieses Vertrauen aufzubauen, liegt darin, die Verbindung zum Göttlichen in sich selbst zu stärken. Und das wiederum bedeutet, sich von innen zu festigen.

 

    Mutter und Vater sollten Hand in Hand arbeiten und die Verantwortung für alles, was geschieht, teilen. Durch diese verstärkte Zusammenarbeit wird auch eine Ehe neu belebt werden, und den anderen Kindern wird der daraus erwachsende bewusste Familienzusammenhalt gut tun.

 

    Es ist von größter Wichtigkeit, dass die Eltern in der Diskussion mit heranwachsenden Kindern ein besonderes Augenmerk auf die Persönlichkeit richten, die sich hier entfalten möchte. Das wird der Individualität helfen, sich zu finden. Mit Staunen wird man bemerken, wie viel Festigkeit ein so junger Charakter bereits haben kann. (S. 27)

 

    Ein Schlüsselwort in allen diesen Situationen könnte sein: das Lob. Jeder Fortschritt, jede offensichtliche Entwicklung des Jugendlichen sollte mit einem Lob bedacht werden. Selbst Schwierigkeiten und sogar Misserfolge sollten positiv beurteilt werden, denn sie zeichnen den Weg für ein späteres Gelingen. Doch sollte man nicht nur sie loben. Auch selbst sollte man ein anerkennendes Wort von den Kindern annehmen, wenn es sich ergibt.

 

Hart am Wind

 

Das Neue Testament enthält große Mysterien und bietet wunderbare Einblicke in die menschliche Seele, die oftmals mit ganz schlichten Worten wiedergegeben werden. So schildert das 2. Kapitel des Lukasevangeliums Jesus als Knaben und gibt dabei die bemerkenswerte Beschreibung eines Ereignisses in seiner Jugendzeit. Jesus war gerade zwölf Jahre alt, als er sich mit seiner Familie zum Passahfest nach Jerusalem begab. Als seine Mutter und sein Vater auf ihrem Heimweg rasteten, sorgten sie sich zunächst noch nicht, als Jesus nicht bei ihnen war. Während des folgenden Tages begannen sie aber in der Reisegruppe nach ihm zu suchen, fanden ihn jedoch nicht. Daraufhin gingen sie nach Jerusalem zurück. Drei Tage lang suchten sie vergeblich nach ihm und fanden ihn schließlich im Tempel, wo er im Gespräch mit den Schriftgelehrten war. Diese gelehrten Menschen waren von seinen Kenntnissen beeindruckt. (S. 28)

 

    Als Maria und Joseph ihn dort fanden, waren sie sichtlich entsetzt, und es kam zu einem Wortwechsel, der uns einiges über die Situation des Heranwachsenden während der Jugendzeit sagen kann. Als seine Mutter ihn sah, rief sie aus: »Mein Kind, warum hast du uns das angetan? Siehe, dein Vater und ich haben dich unter Schmerzen gesucht.« Und er sprach zu ihnen: »Warum habt ihr mich gesucht? Wisst ihr denn nicht, dass ich in meines Vaters Hause sein muss?«

 

    Hier erkennen wir einen ganz neuen Standpunkt des Heranwachsenden: plötzliche und vollkommene Unabhängigkeit von den Eltern, verbunden mit etwas, das man beinahe als Mangel an innerer Anteilnahme bezeichnen könnte. Aber dies führt zu einer unerwarteten Aufnahmebereitschaft für tiefer gehende Inhalte. Ein Schuldgefühl wegen des Geschehens existiert nicht. Jesus ist eher überrascht, dass sein Verhalten für ungewöhnlich gehalten wird. Er ist von der Richtigkeit seines Vorgehens voll überzeugt, weil er tat, wozu er sich berufen fühlte. Er nimmt die Beziehung zu einer anderen Autorität auf, die er »mein Vater« nennt, dessen Reich er bereiten muss. (S. 29)

 

    Das zu akzeptieren war für seine Eltern alles andere als leicht. Es stellte ihre schützende und anteilnehmende Obhut in Frage, ja, erkannte ihnen diese Aufgabe geradezu ab, da Jesus sich auf einen anderen »Vater« berief: »Wisst ihr denn nicht?«, fragt der junge Mensch.

 

    Der Eintritt in die Zeit der Adoleszenz ist allerdings selten so markant und abrupt. Wenn ein Kind zum Jugendlichen wird, dauert das in der Regel länger als drei Tage. Aber auch nicht viel länger. In der Geschichte von Jesus folgt auf die Begebenheit im Tempel eine zweite Phase der Entwicklung. Jesus verlässt seinen neu gefundenen Platz und seine Gesprächspartner und geht mit seinen Eltern nach Nazareth »hinunter«. Auf den kometenhaften Aufstieg zu geistigen Höhen folgt die Rückkehr in sein irdisches Zuhause.

 

    Von diesem Augenblick an aber hat Jesus zweierlei Zuhause: ein geistiges, in dem er mit seinen geläuterten Gedanken verweilen kann, die zunächst noch ein Geheimnis bleiben mussten, und sein irdisches Zuhause, wo er im häuslichen Rahmen der Familie seine Pflichten gegenüber Eltern und Lehrern wahrnehmen muss. So arbeitet er für gewöhnlich mit seinem Vater und lernt dessen Handwerk oder teilt zaghaft erste Gedanken mit seiner Mutter. Damit hat der Vater einen Gefährten gefunden, und die Fürsorge der Mutter beschränkt sich nicht mehr länger nur auf das Leibliche, sondern sie kann in ihrem Herzen auch all das mittragen, was in der Seele ihres Sohnes heranwächst und aufblüht. (S. 30)

 

    Das Verlangen nach Weisheit und Entfaltung seiner Stärke bleibt in Jesus weiterhin lebendig, aber damit verbunden ist auch die Achtung vor Gott und seinen Mitmenschen, insbesondere vor seinen Eltern. Dies kann als Bild für die Zeit des beginnenden Erwachsenwerdens verstanden werden. Es vollzieht sich die Geburt einer neuen Persönlichkeit, die von nun an ihren Platz neben derjenigen behaupten wird, die einst von den Eltern empfangen, geboren und großgezogen wurde. Ein geistiges Wesen ergreift von dem irdischen Besitz. Die äußeren Zeichen dieser Entwicklung sind ein plötzlich verändertes Bewusstsein und eine innere Öffnung hin zu eigenen Erkenntnissen, ein wachsendes Interesse an den sichtbaren und unsichtbaren Bereichen des Lebens. Dies kommt einer neuen Empfängnis gleich. Das himmlische, ewige und einmalige Geistwesen bezieht seine Wohnstätte in dem Haus, das mit der Hilfe von Eltern, Lehrern und allen anderen Beteiligten gebaut worden ist. Das Kind geht in seinem 13. Lebensjahr in den Tempel und wird durch seinen individuellen göttlichen Funken belebt. In solchen Augenblicken betritt es selbst die göttliche Sphäre. Das kann auch geschehen, wenn es beim Anblick von großer Schönheit von Staunen und Bewunderung ergriffen wird: vor einem Sonnenuntergang oder vor einem Wasserfall. Es kann viele solcher Momente geben.

 

    Die erste Seelenbewegung ist das Erstaunen. Das, was sich da in einem Augenblick selbst enthüllt, muss dann wieder aufgegriffen werden, wenn das Kind, das von seinem höheren Wesen berührt wurde, heimkehrt an den Ort seiner Eltern. Jetzt beginnt eine neue Phase. Ganz still wird es von dem göttlichen Element in sich ergriffen und verwandelt. Dieses bereitet es auf sein Schicksal vor und zeigt ihm, was seine Bestimmung sein wird. Äußerlich sichtbar wird diese Entwicklung an der Art und Weise, wie der Jugendliche nun unabhängig von seinen Eltern seine Ideale und Werte bildet. Er entwickelt dabei auch Fähigkeiten und Begabungen, die nicht durch seine Abstammung erklärt werden können, und setzt sich nach und nach Ziele, diese oder jene Ausbildung oder Lehre zu machen, und sucht den Lebensweg, den er im Laufe der nächsten Jahre gehen wird. (S. 31)

 

    Auf diese Weise kommt das in dem jungen Menschen zum Vorschein, was individuell in ihm veranlagt ist. Es scheint durch das hindurch, was Vererbung und Umwelt an ihm bewirkt haben. Das muss von Eltern und Lehrern akzeptiert werden, und sie sollten es durch eine gute Ausbildung unterstützen und Sorge tragen, dass das wachsende »Ich« in seiner Entwicklung nicht gestört wird (vgl. auch S. 43). Die Tatsache, dass einem hier gleichsam zwei Wesen begegnen - das durch die Vererbung geprägte und das individuelle -, lässt an das Bild eines Kreuzes denken. Dort herrscht eine Harmonie zwischen der Horizontalen - all dem, was mit Veranlagung und Umgebung zu tun hat - und der Vertikalen, die für das eigene höhere Wesen steht, das unmittelbar aus der geistigen Welt kommt. Benutzen wir dieses Bild, wird deutlich, wie der Beginn der Jugendzeit dieses vertikale Element plötzlich gewahr werden lässt, wenn es das Horizontale berührt und sich mit ihm in Beziehung setzt. Die Schwierigkeit in den Jahren des Heranwachsens besteht darin, eine Ausgewogenheit zwischen den beiden Kreuzbalken herzustellen. Im späteren Erwachsenenleben kommt hinzu, dass die gefundene Ausgewogenheit im Auf und Ab einer Partnerschaft beibehalten werden muss. Der horizontale Balken zeigt all das, was verletzbar und anfällig ist und nur einen begrenzten Zeitraum umspannt. Der vertikale Balken aber reicht in die Ewigkeit und bleibt immer unversehrt, strahlend und wahr. Das zeitlich gebundene Element wird durch die Strahlenkraft des zeitlosen, geistigen Elementes lebendig und frei und kann so den Menschen befähigen, seine Lebensbestimmung zu erfüllen. Am Schnittpunkt der beiden Balken ist der Ort des Bewusstseins. Dort betritt der junge Mensch für einen Augenblick die Sphäre des Heiligen und kann die Ewigkeit erfahren. Hier kann er ein Gefühl für das Wahre, Gute und Schöne entwickeln. (S. 32)

 

    Während der Kindheit scheint das geistige Element wie ein Stern auf das Kind. Im Matthäusevangelium wird beschrieben, dass der Stern über dem Haus stehen blieb, in dem Christus geboren wurde. Ihm waren die weisen Könige gefolgt. So hat jedes Kind seinen eigenen Stern, auch wenn wir ihn mit unseren Augen nicht sehen können. Er steht über dem Haus seines irdischen Leibes. Mit Beginn des Erwachsenwerdens dringt der Stern in das Gebäude ein, offenbart seine Weisheit und befähigt das Kind, sich bewusst zu werden, dass es noch einen »anderen« Vater hat. Doch dann kommt die Zeit des Sich-Fügens: In der Zeit des Wachstums von Körper und Geist müssen die beiden Kreuzbalken so in Übereinstimmung gebracht werden, dass keiner den anderen überlagert oder verdrängt.

 

    Die Tatsache, dass so viel Dunkles mit der Pubertät aufgewühlt wird, ist ein Zeichen dafür, dass sich hier wirklich etwas Geistiges abspielt. Die dunklen Kräfte tun ihr Möglichstes, um zu verhindern, dass diese Verbindung auf harmonische Weise vor sich geht. In unserer heutigen Zeit zeigt sich dies vor allem in der Versuchung der Jugendlichen, durch Einnahme von Drogen eine Wahrnehmung der geistigen Welt zu erlangen, die ihnen aber nur Trugbilder vorgaukelt. Das Wunder der Pubertät entfesselt Dunkles und Gefahrvolles, ist aber im Grunde ein Freiwerden geistiger Energie.

 

    Mit dem Eintritt in die Pubertät gesellt sich zu dem Bewusstsein objektiver Erfahrungen plötzlich noch ein anderes Bewusstsein, das subjektiv ist. In der Jugendzeit muss man diesem aufsteigenden subjektiven Element begegnen und es von dem objektiven durchdringen lassen. Alles in der Umgebung, das Wetter, die Architektur von Gebäuden, nahe Freunde, alles wird plötzlich in seiner Bedeutung für das Gefühlsleben mit anderen Augen gesehen, schärfer und tiefgründiger. Das Wetter wird für den Jugendlichen zum äußeren Bild eines inneren Seelenzustands. Formen und Strukturen wecken Gefühle von Schönheit oder werden als hässlich empfunden. All dies ist ein Widerschein seiner erwachenden inneren Empfindsamkeit. Freundschaften werden tiefer und intimer, man teilt mit dem anderen und tauscht Gedanken aus. So sucht sich jeder Teenager den »besten« Freund, der gewöhnlich demselben Geschlecht angehört. In diesen Freundschaften kann den Gefühlen freier Lauf gelassen werden. Keinen besten Freund zu haben in der Zeit, in der das Innenleben erwacht, bedeutet eine ernst zu nehmende Entbehrung. (S. 33)

 

    Die Jugendzeit ist eine Zeit der Öffnung, aber auch des Rückzugs, eine Zeit voll neuer Kraft, aber auch voller Scheu. Die Liebe zum Schönen besteht neben der Faszination, die das Hässliche ausübt; die Suche nach Werten steht neben der heftigen Ablehnung bestehender Ordnungsprinzipien. Die gierige Aufnahmebereitschaft für intellektuelle Inhalte birgt gleichzeitig die Gefahr, durch Drogen oder Alkohol gelähmt zu werden. Der junge Mensch schafft sich Ideale, wird aber auch zynisch. Er hat das Bedürfnis, ernst genommen zu werden, kann aber zunächst noch nicht einmal seinem eigenen Wert vertrauen. Er sucht die Unabhängigkeit und weiß gleichzeitig, dass er Unterstützung braucht. Zwar weist er die Autorität seiner Eltern zurück, sehnt sich aber nach ihrer Anerkennung. Die gewohnte Ordnung und der Rhythmus seines bisherigen Lebens geraten in Chaos und Unordnung.

 

    Während der Jugendliche spürt, dass geistige Kräfte an ihm arbeiten, sucht er das Wahre und Reine in seinen Beziehungen und beginnt doch, seine Sexualität zu erkunden. Er möchte die Welt in Ordnung bringen und zerstört in seinem Eifer dabei oft das bestehende Gute. Wie gern würde er auf einer Stufe mit den Erwachsenen leben und fühlt doch, dass er noch nicht reif dazu ist. Er sucht nach einem Halt im Leben, verwirft aber die Religion. Mit seiner Kritik kann er andere sehr verletzen, ist aber selbst am Boden zerstört, wenn ihm keine Anerkennung gezollt wird. Fortwährend fordert er von seinen Eltern, ihn frei zu lassen, wäre aber doch ohne ihre Unterstützung verloren. Er sehnt sich danach, Selbstbestätigung zu finden, fühlt sich aber zu klein dazu in einer Welt, die plötzlich rings um ihn so groß geworden ist. Er lebt sein eigenes Leben, das dem seiner Eltern oft völlig zuwiderläuft, möchte aber trotzdem von ihnen verstanden werden. (S. 34)

 

Richtiges Lesen der Karten

 

Jede menschliche Entwicklung spielt sich auf drei Ebenen ab, von denen jede zwar für sich existiert, die aber doch ineinandergreifen. Sie betreffen das körperliche Wachstum, die Reifung der Seele oder der Persönlichkeit und die Entfaltung des Geistes. Die Jugend ist eine Zeit intensivster Entwicklung in allen drei Bereichen. Die Veränderungen, die sich an Körper, Seele und Geist eines jungen Menschen während dieser Jahre zeigen, geben Zeugnis von der Geburt seines Selbst. Dieses neue »Selbst-Bewusstsein« weckt das Zusammenwirken dieser drei Bereiche. Indem der Körper wächst und sich verändert, wird er zum Instrument oder auch zum Gefäß der Seele, die ihrerseits Kräfte entwickelt, die vom Geist genutzt werden können. Der Geist schließlich ist die ewig-göttliche Wesenheit, die Seele und Leib durchdringt. Dieser zarte und empfindsame Vorgang kann durch das Befinden von Körper und Seele begünstigt, aber auch behindert werden. Die Art und Weise der Ernährung, der Rhythmus des Tageslaufes wie auch das kulturelle Milieu haben Einfluss auf die »Feineinstellung« des Körpers als Instrument. Das wiederum betrifft die Art und Weise, wie die Seelenkräfte Denken, Fühlen und Wollen darin wirksam werden und auf die noch feineren und subtileren Anregungen, Inspirationen und Impulse des individuellen Geistes reagieren können. (S. 35)

 

    Das Wesensbild des Menschen kann hier nur ganz allgemein skizziert werden. Jeder wird seinen eigenen Weg durch die Zeit des Heranwachsens gehen. Für einige mag es eine gemütliche Fahrt sein, während andere mit heftigen Böen zu kämpfen haben werden.

 

    Der Weg ist in gewisser Weise willkürlich, wenngleich die Stufenfolge von Jahr zu Jahr vorgegeben ist. Einige junge Menschen werden schneller vorankommen als andere, aber man kann mit Sicherheit sagen, dass sie alle demselben Kurs folgen. (S. 36)

 

Das dreizehnte Lebensjahr

 

Im ersten Jahr seiner Jugendzeit beginnt der junge Mensch sich nach innen zu wenden und hin und wieder eine gleichsam in sich abgeschlossene Welt zu betreten. Dann aber wieder sucht er einen Ausgleich hierzu und gibt sich mit größtem Interesse seiner Umgebung hin. Dabei zeigt er eine enorme Wissbegierde und eine bewundernswerte Energie, in Aufgaben hineinzuwachsen, die ihn ansprechen. In ihm wirken innen und außen so zusammen, dass alles Äußere seine Bedeutung nur insoweit bekommt, wie es das Innere versorgt und erweitert. Der Mensch, der eben seine Kindheit verlassen hat, wird nachdenklich. Seine Taten werden bewusster. Die Sehnsucht nach Unabhängigkeit und Einsamkeit wird immer größer. Damit einhergehen kann eine Verlegenheit über jede Art von Sentimentalität, ein Zurückscheuen vor Zuneigungsbezeugungen, zum Beispiel von seiten seiner Eltern, so, als wolle er sagen: »Rührt mich nicht an, ich bin noch nicht fest in mir selbst.« Er hat erst gerade begonnen zu lernen, wie er mit sich selbst klarkommen kann, und ist noch sehr unsicher.

 

    Dem Verinnerlichungsprozess liegt das Bewusstsein für die Veränderungen des eigenen Körpers zugrunde. Erste Erfahrungen mit Erektion und Menstruation deuten in aller Stille auf die erwachenden Kräfte hin, die ein großes Geheimnis und weitreichende Folgen bergen. Die Peinlichkeit, die Beunruhigung und das Bedürfnis, über all dies nachzudenken, bringt eine Umwälzung der tiefsten Persönlichkeitsschichten mit sich und drängt den jungen Menschen, den Schutz der Einsamkeit zu suchen. Gleichzeitig aber sehnt er sich nach Möglichkeiten, sich auszusprechen und über das zu reden, was ihn umtreibt. (S. 37)

 

    Die Eltern werden den Heranwachsenden mit einem Mal als launisch, ungeduldig, verschlossen und schwer zugänglich erleben. Und weil sie ihn so nicht kennen, werden sie zunächst nicht wissen, wie sie damit umgehen sollen. Sie machen vielleicht Bemerkungen, durch die sich der junge Mensch noch mehr in sich zurückzieht. Die Eltern müssen jetzt aber zeigen, dass sie volles Verständnis für das haben, was hier geschieht, und sie sollten den neuen empfindlichen Zug an ihrem Jugendlichen respektieren. Wenn sie es fertigbringen, ihm ihre Achtung zu zeigen, werden sie ihm am besten helfen. Denn das wird in ihm das Vertrauen wecken, dass er seine Gefühle und Gedanken mit ihnen teilen kann.

 

Das vierzehnte Lebensjahr

 

Im weiteren Verlauf des Erwachsenwerdens folgt nun ein etwas glücklicherer Zeitabschnitt. Das Nach-innen-Gehen hat seine Wirkung getan; der junge Mensch fühlt sich nun weit mehr in der Lage, der Welt zu begegnen und an ihr teilzuhaben. Seine einstige Verletzbarkeit hat sich in eine größere Widerstandsfähigkeit gewandelt. Auch das körperliche Wachstum und die sexuelle Entwicklung verlaufen gut. Der sexuelle Aspekt verliert etwas von seiner Unheimlichkeit durch die Tatsache, dass die jungen Menschen sich weiter in ihre weibliche oder männliche Identität hineingefunden und die damit verbundenen Körperfunktionen zu akzeptieren gelernt haben.

 

    Im Allgemeinen ist der junge Mensch in diesem Entwicklungsstadium gern der, der er ist. Es ist eine Zeit voller Freude und Gelächter in der Gruppe, und alles in allem ist die Gemütslage viel entspannter. Da der junge Mensch weniger angespannt und empfindlich ist, kann er nun auch an Diskussionen, ja an richtigen Streitgesprächen Spaß haben, weil er seine zunehmende Denkfähigkeit genießt. Er kann nun analysieren, abwägen, die unterschiedlichen Standpunkte einer Aussage sehen und zu einem intellektuell befriedigenden Schluss kommen. Dazu kommen sein Ideenreichtum und eine bessere Ausdrucksfähigkeit. Das Kind verschwindet immer mehr. Bei den Jungen senkt sich die Stimme, und die Gesichtszüge ändern sich. Mit anderen Worten, ein Zwischenstadium ist erreicht. Die Mädchen entwickeln weibliche Formen und lassen leise ahnen, wie sie später einmal aussehen werden. (S. 38)

 

    Es ist eine Zeit voller Optimismus. Sowohl Jungen als auch Mädchen sehen in der Ehe eine gute Einrichtung für ihr künftiges Leben, wenn die Zeit reif ist und der rechte Partner kommt, wobei sie sich letzteren eher als liebenswürdig denn aufregend vorstellen. Der junge Mensch verlangt in dieser Phase verstärkt nach persönlicher Anleitung, denn er wird sich seiner Individualität bewusst. Wenn man ihm gegenübertritt (auch durchaus kritisch), so wird er nun nicht sofort entmutigt sein, denn er erkennt unberechtigte Kritik als solche, und diese fordert seine intellektuellen Fähigkeiten zur Argumentation heraus. Jede Fähigkeit offenbart sich jetzt von selbst. Man kann deutlich spüren, wie sich die Persönlichkeit mehr und mehr festigt. Er oder sie fällt nun Urteile über das, was gut oder schön ist, und das Auftreten eines moralischen Sinnes und eines ästhetischen Gefühls gibt dem Seelenleben eine neue Substanz. Die Eltern tun in dieser Zeit gut daran, ihrem Heranwachsenden in größerem Maße Verantwortung zu übertragen, aber sie müssen dabei auf der Hut sein, dass sie ihn nicht überfordern.

 

    Trotz der im Allgemeinen harmonischen Atmosphäre dieses Lebensalters sollten die Eltern darauf achten, dass ihr Sohn oder ihre Tochter Anschluss bei Kameraden findet. Die Gruppe um einen Jungen ist eher groß, ein Mädchen jedoch braucht ein, zwei oder drei enge Freundinnen, mit denen sie ihre Gefühle und Beobachtungen in nicht enden wollenden Gesprächen teilen kann. Im Anschluss an die Zeit, die bereits in der Schule in den Unterrichtspausen gemeinsam verbracht wurde, werden allabendlich lange Telefonate geführt, in denen mit gedämpfter Stimme alle Ereignisse des Tages noch einmal durchgesprochen und bewertet werden. (S. 39)

 

    Eltern können Anlass zur Sorge haben, wenn ihr vierzehnjähriger Sohn nicht zu einer Gruppe von Kameraden gehört oder wenn ihre Tochter keine richtige Freundin hat. Ein Umzug der Familie in eine andere Gegend kann ein Mädchen in ernst zu nehmende seelische Nöte bringen, wenn sie von einem auf den anderen Tag von dem engen Kontakt mit ihrem kleinen Kreis intimer Freundinnen abgeschnitten wird.

 

    Wenn dem anfänglichen Rückzug in die eigene Innenwelt mit dreizehn Jahren nicht innerhalb eines Jahres eine freudige Öffnung nach außen folgt, müssen die Eltern das Selbstbewusstsein ihres Jugendlichen besonders unterstützen. Denn in diesem Alter - wie im Übrigen in jedem anderen auch - ist die Selbsteinschätzung zum größten Teil abhängig davon, was Menschen, die einem wichtig sind, über einen denken. Daher kann die Achtung, die die Eltern ihrem Kind in früher Jugendzeit entgegenbringen, ihm helfen, ein Selbstwertgefühl aufzubauen. Es muss dabei nicht viel geredet werden: Was die Eltern fühlen, wird übermittelt werden. Aber hin und wieder sollte man es doch zum Ausdruck bringen: »Wir schätzen alles an dir!« Im Alter von vierzehn Jahren vollzieht sich auch die Schwelle vom zweiten ins dritte Lebensjahrsiebt. Darauf wird später noch eingegangen werden.

 

    Die wachsenden intellektuellen Fähigkeiten ermöglichen zunehmend auch kritische Betrachtungen. Der Teenager kann seine Umgebung dann sogar in einem übersteigerten Maß kritisieren und die ganze Ordnung, in der er lebt, rigoros ablehnen. Da er sehr empfindlich ist, verteidigt er sich sofort, wenn ihm sein Verhalten vorgeworfen wird. Er selbst aber kritisiert andere, manchmal auf sehr unerfreuliche, spottende, ja sogar destruktive Art. Aber man kann ihn auffordern, einmal etwas genauer hinzuschauen und vielleicht zu erkennen, was in den Seelen derer vorgeht, die er kritisiert. Das kann ihn dazu führen, sein Tun zu bewerten und richtig einzuschätzen. So wird er lernen, wahrzunehmen. Diese Fähigkeit wird sich besonders dann ausbilden, wenn Freunde, Eltern und Lehrer bereit sind, auch seine Meinung anzuhören, und sei sie auch noch so verletzend oder vernichtend. Denn nur das Gefühl, ernst genommen zu werden, wird ihn dazu bringen, nachzudenken, bevor er spricht, und nicht einfach gleich seine Erregung und seine Kritik zu äußern.

 

    Der Umgang mit diesem Problem erfordert ein klares Verständnis des Unterschieds zwischen dem Teenager als Menschen und seinem Verhalten. Das Verhalten kann der Gegenstand eines Urteils, ja möglicherweise einer Verurteilung sein; nicht aber der Mensch. Denn hinter jedem selbstsicheren "Raucher" verbirgt sich eine zarte, ängstliche junge Seele, die in Schwierigkeiten steckt. Obwohl der Jugendliche eine defensive Stellung einnimmt, sehnt er sich nach einem verständnisvollen und liebevollen Umgang. "Lass mich jetzt nicht im Stich", ist die Botschaft, die aus ihm spricht. Es kann sein, dass man die Drogenberatung eines Experten in Anspruch nehmen muss, aber wichtig ist vor allem, dass die Eltern zu ihrem Heranwachsenden halten und ihn warmherzig unterstützen, trotz seiner Taten. Die Drogenszene kann nämlich ein Ort des Schreckens für junge Menschen sein, besonders wenn sie zwischen Dealern und dem Rauschgiftdezernat in Bedrängnis geraten.

 

    Auch in sich selbst fühlen sie einen Kampf zwischen dem, was sie als richtig und vernünftig erkannt haben, und dem dringenden Verlangen – oder unter dem Druck der Kameraden –, das Experiment einzugehen. Und dies alles geschieht letztlich, um der Welt um sich herum zu entfliehen, die nicht für sie gemacht zu sein scheint.

 

    Der Heranwachsende sucht die Begegnung und sehnt sich danach, dort bestätigt zu werden, wo er selbst am Aufbau seiner Persönlichkeit tätig ist. Aber es kommt selten vor, dass ein junger Mensch eine solche Begegnung hat, denn es gibt zu wenig Menschen, die in sich selbst den Respekt, die Sensibilität und die Selbstlosigkeit entwickelt haben, die idealerweise nötig wären, um dem innersten Heiligsten eines anderen Menschen zu begegnen. Diese Qualitäten sind wahrlich Zeichen der Menschlichkeit und bilden die Grundlage für eine wahre Beziehung. Sie müssen hart erarbeitet werden, aber niemand sollte glauben, dass er sie nicht erreichen könnte.

   

    ...denn es kann einem scheinbar wenig begabten Menschen eine große Selbstbestätigung sein, von einem Begabteren um Hilfe gebeten zu werden. [...] Eine Begegnung kann nur auf der Basis vollständiger gegenseitiger Achtung stattfinden.

 

    Ein Mensch, der in seiner inneren Entwicklung bereits fortgeschritten ist, sollte dem Jugendlichen nicht gegenübertreten, um ihm zu helfen, denn das wäre herablassend. Es kommt darauf an, einander auf derselben Ebene zu begegnen und die Gleichrangigkeit der Partner deutlich zu machen. Der Jugendliche sehnt sich danach, in seiner Welt bestätigt zu werden, aber für gewöhnlich hat er Menschen um sich, die ihn belehren wollen, ihn lenken und ihm seine Fehler zeigen wollen, um ihm klarzumachen, dass er noch viel lernen muss. Das mag für die Belange der Außenwelt angemessen sein, obwohl auch dort der Jugendliche mehr lernen wird, wenn der Erwachsene ihn korrigieren kann, ohne ihm das Gefühl von Minderwertigkeit zu vermitteln. Die Begegnung in der inneren Sphäre darf jedoch nicht von der Absicht geleitet werden, eine Veränderung zu bewirken, sondern sie zu bestätigen. Letztlich wird dies dann eine Veränderung bringen, aber auf eine andere Art: Ohne Belehrung wird der Jugendliche aus den Erfahrungen lernen, die er bei einer solchen Begegnung macht.

 

    Wenn der junge Mensch seine eigene Menschlichkeit entdeckt, sein eigene Tiefe und seine Fähigkeiten und ihm diese von einem verständnisvollen Freund so bestätigt werden, wird er auch der Welt um sich herum mit Mut, Toleranz und Achtung begegnen können. Wenn aber niemand ihm begegnet, der ihn akzeptiert und ermutigt, wenn er niemandem Vertrauen schenken kann, weil er sich selbst nicht traut, offen zu sein, besteht die Gefahr, dass dieser Wesensteil in ihm verwelkt. Sein Leben kann dann nur wenig mehr als lediglich eine Reaktion auf das sein, was von außen auf ihn zukommt. Oder er kann sein Innenleben verschließen; dann wären seine Kontakte zur Welt nur ein unwirkliches Schauspiel. Ein solcher Mensch wird so viel geben wie nötig, aber niemals sich selbst.

 

    Der junge Mensch, der eine echte Begegnung hatte, wird sie nie vergessen, und die Erinnerung daran wird immer in ihm lebendig bleiben. Aber dazu sind Menschen nötig, die zumindest begonnen haben, die Qualitäten zu entwickeln, die eine solche Begegnung ermöglichen.

 

Julian Sleigh: Freiheit erproben. Das dreizehnte bis neunzehnte Lebensjahr. Verständnishilfen für Eltern. Urachhaus, Stuttgart, 4. Auflage 2003 (1989)