Oft geht Pubertät mit einem schulischen Leistungsabfall einher. Was raten Sie Eltern, die deshalb nervös werden?

 

Kein Grund zur Panik. Eltern sollten vermeiden, dem Thema Schule einen absolut überragenden Platz in der Familie einzuräumen und darüber die Bedürfnisse ihrer Kinder aus dem Blick zu verlieren. Für problematisch halte ich es zudem, wenn nur über kritische Hauptfächer geredet wird und Nebenfächer oder jene, in denen die Jugendlichen gute Noten erzielen, ins Hintertreffen geraten. Es ist völlig normal, dass die Noten in der Pubertät absinken, wenn vieles brüchig wird und die elterliche Normhaltung bezüglich Schule von den Kindern in Frage gestellt wird. Gerade in dieser Zeit haben die Eltern eine wichtige, Halt gebende Funktion. Sie müssen ihre Kinder aufbauen und positiv bestärken.

 

Können Nachhilfe oder Studiencamps helfen?

 

Wenn sie nicht als Drill- und Trainingslager verstanden werden, schon. Aber man sollte keine Wunder im Sinne erheblicher Notenverbesserungen erwarten. Nachhilfe heißt in dieser Zeit eher: helfen, dass die Lücken nicht zu groß werden. Ein älterer Schüler kann da meist wesentlich mehr erreichen als ein Institut. Und Eltern sollten ihre Kinder fragen, welche Note sie am Ende des Schuljahres realistischerweise haben möchten.

 

Und wie hält man's mit den Hausaufgaben?

 

Bitte nicht mehr dabeisitzen! Verantwortung heißt auch, Distanz zu haben. Man sollte Kindern Raum und Zeit für die Schularbeiten geben und auch darauf achten, dass diese gemacht werden. Aber verstärkter Druck der Eltern, etwa durch eine intensive Überwachung. führt oft dazu, dass sich das Kind noch mehr verweigert. Wenn Eltern sich ungefragt in diese Dinge einmischen, entmündigen oder entmutigen sie ihre Kinder.

 

Wie lässt sich täglicher Zwist vermeiden?

 

Dass ab und an die Türen knallen und verletzende Worte fliegen, gehört dazu. Ich rate Eltern oft: Macht ein Gesprächsritual. Einen Termin pro Woche, wo ihr euch aussprecht. Früher hatten die Paten in Familien eine wichtige Funktion. Das macht auch heute noch Sinn. Eltern sollten sich fragen, wer ein externer Begleiter sein könnte. Eine Person, die der Pubertierende schätzt und der er vertraut, kann Eltern helfen, ein Thema loszulassen, bei dem man mit dem Kind auf keine gemeinsame Basis mehr kommt.

 

Der Balanceakt zwischen Vertrauen und Kontrolle fällt vielen Eltern schwer. Wie viel Kontrolle muss denn noch sein?

 

Jugendliche müssen ihre Erfahrungen machen können und dabei auch mal auf die Nase fallen dürfen. Das wird Heranwachsenden heute sehr schwer gemacht. Ihr Nahbereich ist mit Netz und doppeltem Boden ausgestattet, unangenehme Erfahrungen will man ihnen möglichst ersparen. Etwa, indem man sie mit dem Auto in die Schule fährt, wenn sie verschlafen haben - was definitiv falsch ist. Auf der anderen Seite geben Jugendliche auch manchmal Zeichen, dass man etwas sehen soll. Wenn ein Pornoheft offen im Zimmer rumliegt, kann das heißen: Ich will mit dir darüber reden. Intuitive Eltern spüren, wenn etwas schief läuft.

 

"Man sollte keine Wunder erwarten": Interview mit Jan-Uwe Rogge. FOCUS Schule 3/2006, Seite 20